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Sadomasochismus -- Was ist das?
Eine kurze Einleitung für Neugierige
Informationen über den Sadomasochismus (SM) können schwer zu finden sein. Hier das Wichtigste in Kurzform.

Was ist Sadomasochismus überhaupt?
"Sadomasochismus" ist ein Dachbegriff für eine Vielzahl verschiedener sexueller Neigungen und Vorlieben, die sich alle irgendwie auf erotische Art mit Macht und Ohnmacht, Schmerz und Hingabe beschäftigen. Zu diesem Sammelsurium gehören zum Beispiel Fesselspiele ("Bondage"), Schlagspiele ("Flagellation") und Rollenspiele.
Was genau den Sadomasochismus beschreibt, ist nicht klar definiert. Sadomasochisten selbst sprechen von "safe, sane, and consensual" (sicher, mit gesundem Menschenverstand, freiwillig) . Der US-Wissenschaftler Weinberg spricht von "erotic, recreational, and consensual" (erotisch, zur Erholung, freiwillig) . Der wichtigste Punkt ist bei beiden die unbedingte Freiwilligkeit ("Konsensualität") aller Teilnehmer. Diese Freiwilligkeit ist sozusagen die goldene Regel des Sadomasochismus.

Warum "Sadomasochismus" statt "Sadismus" oder "Masochismus"?
Mit "Sadomasochisten" ist eine sexuelle Minderheit gemeint, die psychisch unauffällig ist, nicht zu Gewalttätigkeiten neigt und ihre Spiele unter dem Gebot der absoluten Freiwilligkeit stellt. "Sadismus" und "Masochismus" sind eigentlich Diagnosen aus der Medizin. Die Ähnlichkeit der Begriffe ist natürlich unglücklich und missverständlich. Wir benutzen untereinander deshalb andere.

Warum sind sich die Begriffe so ähnlich?
Sadomasochismus hat es schon immer gegeben. So beschrieb Mallanaga Vatsyayana um das Jahr 300 herum in der "Kama Sutra", einvernehmliche Schlagspiele . Die Begriffe "Sadismus" und "Masochismus" prägte der deutsche Psychiater Richard von Krafft-Ebing um 1886. Vom Schreibtisch aus - Feldforschung war damals verpönt - definierte er Anhand von Fallstudien aus der Psychatrie in seinem Mammutwerk "Psychopathia sexualis" ("Sexuelle Geisteskrankheiten") zum ersten Mal die "Perversionen".
Das Buch gilt inzwischen als Beispiel, wie man Wissenschaft nicht betreiben sollte , aber Kafft-Ebings Schöpfungen überlebten lang genug, um von Sigmund Freud übernommen zu werden . Spätestens jetzt waren sie, egal wie fragwürdig ihr Ursprung, fest im Wortschatz der Psychiatrie verankert.
Die spätere Forschung hatte zunächst genug damit zu tun, die viktorianischen Vorstellungen über Homosexualität zu entsorgen. Erst in den 1970ern wurden die Wissenschaftler auch auf "Sadisten" und "Masochisten" aufmerksam, die entgegen den Theorien geistig gesund und mit ihrer Neigung glücklich waren, die stabile Subkulturen bildeten und schon mal gerne die Rollen tauschten. Im Laufe der folgenden Diskussion bildete sich für diese Leute der Begriff "Sadomasochisten" heraus.

Die Rollen als "Masochist" oder "Sadist" sind also nicht festgelegt?
Viele Sadomasochisten nehmen gerne beide Rollen an, sie "switchen" nach je nach Lust und Laune. Mehr als die Hälfte der Sadomasochisten switcht mehr oder weniger häufig . Schon deswegen sind Versuche, uns wie bei den klinischen Fällen in "Sadisten" und "Masochisten" einzuteilen, nicht sehr sinnvoll.
Wie man jetzt die eine oder andere Rolle bei einem Spiel nennt, ist von Gruppe zu Gruppe verschieden: einige reden von "devot" und "dominant", andere von "S" und "M" oder auch vom "aktiven" und "passiven" Partner. Wir benutzten hier ziemlich willkürlich die Begriffe "Top" und "Bottom".

Top und Bottom "spielen" miteinander?
In der Subkultur spricht man häufig von einem "Spiel" oder einer "Session". Damit ist kein Kinderspiel gemeint, sondern die Tatsache, dass das freiwillig vereinbarte Machtgefälle wieder verlassen werden kann. Das Wort "Spiel" zeigt auch klar die Ablehnung von Gewalt.
Nur während eines Spiels erhält der Top Macht über den Bottom, weil sie ihm vom Bottom gegeben wird. Sonst sind beide gleichberechtigt. Es gilt der Spruch: Alle Sadomasochisten sind gleich, nur während des Spiels sind einige gleicher als andere. Im Alltag gehen wir nicht anders miteinander um als andere Menschen auch.
Ein Spiel kann von dem Top oder Bottom durch ein spezielles Codewort (das "Safeword") abgebrochen werden. Das ist nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme für Notfälle, sondern auch eine der Garantien für die Freiwilligkeit. In den deutschsprachigen Ländern wird als Safeword oft "Mayday" benutzt.

Woher kommt die sadomasochistische Neigung?
Dass weiß eigentlich niemand, genauso wie noch unbekannt ist, warum einige Menschen homosexuell sind oder keine Gurken mögen. Die Theorien über "Degenerationen im Gehirn" konnten genauso wenig belegt werden wie die Hypothese einer Misshandlung in der Kindheit - weniger als ein Zehntel der Sadomasochisten gibt an, als Kind misshandelt worden zu sein - oder Freuds Vorstellungen von einem "natürlichen Masochismus" der Frau. Die neuere Forschung zum Thema SM geht von Soziologen aus, die diese Frage ausklammern oder von einer gegebenen Grundneigung ausgehen .
Ein Teil der Sadomasochisten selbst glaubt, dass sie mit ihrer Neigung geboren wurden. Andere verweisen auf Kindheitserlebnisse, während eine dritte Gruppe über einen Partner Kontakt zum Sadomasochismus bekommen hat. Wie auch immer: Das Ergebnis ist gleich.

Gibt es eine Grenze zwischen SM und "normalem" Sex?
Wenn ja, dann ist sie nicht fassbar. Mit etwas Phantasie oder der richtigen Betrachtungsweise kann jede Form von Sex eine SM-Komponente haben, und sei es nur, dass einer der Partner oben liegt. Kratzer auf dem Rücken oder Liebesbisse könnten auch schon als SM gelten, aber kaum jemand sieht das heute so.
Sadomasochismus ist übrigens nicht "anormaler Sex", auch wenn er im Westen von einigen noch so dargestellt wird. Vor Krafft-Ebing waren sadomasochistische Praktiken auch bei uns zwar nicht gerade die Norm, aber galten auch nicht als krank. So beschrieb der deutsche Arzt Johann Heinrich Meibom der Ältere 1639 Schläge auf dem Rücken als eine Methode zur Erregung, weil so das Sperma erwärmt werde - sozusagen das Viagra des 17. Jahrhunderts .

Also sind Sadomasochisten keine Perversen?
Nein. Die Diagnosekriterien für Geisteskrankheiten werden im "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM) aufgeführt, wo zum Beispiel auch die Kritieren für die Diagnose einer Schizophrenie stehen. Seit 1994 gilt international die vierte Auflage des Manuals, kurz DSM-IV genannt. Dort gibt es zwar immer noch "Sadismus" und "Masochismus", aber die Diagnosekriterien sind so korrigiert worden, dass sie nicht mehr auf uns zutreffen. Aus Sicht der Medizin sind wir damit genauso wenig (oder viel) krank wie jeder andere. Die Homosexualität wurde schon in den 1980ern aus dem Manual gestrichen .
Den Begriff der "Perversion" gibt es in der Medizin sowieso schon seit Jahrzehnten nicht mehr, er ist der Sensationspresse überlassen worden. Statt dessen spricht man jetzt von Paraphilien ("Nebenlieben") . Einige Psychiater halten die ganze Diagnosengruppe für überholt und wollen sie komplett abschaffen .

Findet man bei euch auch "echte Sadisten"?
Nein, oder auf jeden Fall nicht mehr als in der übrigen Bevölkerung - Sadomasochisten sind sicher nicht die besseren Menschen. In der Subkultur gibt es keine Gewaltverbrecher, weil sie dort nicht geduldet werden. Das wurde von dem Sexualmediziner Schorsch 1982 und von dem Soziologen Wetzstein 1993 bestätigt.

Finden Sadomasochisten alle Arten von Schmerzen geil?
Auch wenn sie selber darüber Witze machen: Sadomasochisten gehen so ungerne zum Zahnarzt wie jeder andere auch, neigen genauso zum Fluchen, wenn sie sich mit dem Hammer auf den Daumen hauen und bleiben genauso ungerne mit dem kleinen Zeh an der Kommode hängen. Um erregend zu sein, müssen Schmerzen in einen besonderen, erotischen Kontext eingebettet sein. Wenn überhaupt dann: Es gibt jede Menge Sadomasochisten, die Schmerzen in jeder Form verabscheuen und auch im Spiel nichts davon wissen wollen.

Brauchen Sadomasochisten ihre Praktiken zwingend zur Befriedigung?
Sadomasochisten können wie alle Menschen auf die verschiedensten Wege zum Orgasmus kommen, unsere Art macht uns einfach am meisten Spaß. Daher sehen wir auch nicht ein, warum wir etwas anderes machen sollen, nur weil das der Mehrheit mehr Spaß macht. Jedem das Seine.
Das in der Subkultur gebräuchliche Wort für Nicht-Sadomasochisten, "Vanilles", drückt das vielleicht am besten aus: Das Bild kommt vom Speiseeis, wo Vanille zwar lecker und nicht zu verachten ist, aber nur Vanille auf die Dauer doch etwas eintönig wird. Weswegen die meisten Leute auch andere Sorten wie Nuss, Pistazie, Karamel oder was auch immer dazunehmen.
Allerdings geht SM für viele Sadomasochisten über das bloße Sexuelle hinaus: Es kann als körperliche oder geistige Herausforderung, eine Form der Selbsterfahrung, Bastelstunde, spirituelles Erlebnis oder Spaß am Rollenspiel sein. Es wäre falsch anzunehmen, dass jedes Spiel mit dem Geschlechtsakt endet.

Ich verstehe nicht, wie das Spaß machen kann.
Man könnte jetzt seitenweise über das Wechselspiel zwischen Vertrauen und Verantwortung schreiben, von Hingabe und Annahme, aber erfahrungsgemäß hilft das nicht viel. Glaubt uns einfach, uns macht es Spaß.

Besteht nicht die Gefahr, dass man sich hineinsteigert?
Diese Vorstellung stammt auch aus dem 19. Jahrhundert, als man meinte, wer im Bett mit einer Augenbinde anfängt, werde als Axtmörder enden. Mit dem Sadomasochismus ist es eher wie mit der Schokolade: Einige Menschen völlern, aber die meisten halten mehr oder weniger Maß und wissen irgendwann, ob ihnen Vollmilch oder Traube-Nuß am besten gefällt. Dieser Sorte bleiben sie dann über Jahre hin treu.
Sadomasochisten, die gerade ihre Neigung entdeckt haben, können allerdings eine euphorische Phase durchlaufen, in der sie alles ausprobieren wollen, und zwar möglichst sofort und am besten noch gleichzeitig. Das ist wie bei einem Musiker, der gerade seine erste richtige Gitarre bekommen hat (und kann für die Umwelt genauso nervig sein). Aber das geht vorbei.

Sind Sadomasochisten gewalttätig?
Der Sadomasochismus hat mit Gewalt genausowenig zu tun wie die Liebe mit einer Vergewaltigung. Gewalt ist niemals freiwillig, niemals erotisch, niemals sicher.

Wie gefährlich ist SM?
Wenn man die grundlegenden Sicherheitsregeln kennt, ist SM genauso gefährlich wie die anderen Formen der Sexualität. Die sadomasochistische Subkultur selbst hat eine wichtige Schutzfunktion, in dem sie Informationen über Sicherheit sammelt und verbreitet. Diese Tatsache ist inzwischen von der Medizin wie von der Justiz erkannt worden, ein Grund, warum beide Gruppen davon abraten, sadomasochistischen Gruppen und Vereinen das Leben schwer zu machen.
Es gibt eine ganze Reihe von Bücher über sicheres Spielen, wie zum Beispiel das "SM-Handbuch" von Grimme. Inzwischen gibt es sogar Bücher über einzelne Praktiken wie Bondage. Wer Englisch kann, findet auf dem US-Markt eine noch reichhaltigere Auswahl.

Ist SM legal?
In Deutschland werden sadomasochistische Handlungen durch ¤ 226a StGB (Körperverletzung mit Einwilligung) abgedeckt, derselbe Paragraph, der ärztliche Eingriffe regelt. Dass SM zwischen freiwilligen Partnern nicht gegen den Zusatz der "guten Sitten" verstößt, ist in Urteilen beschlossen und theoretisch begründet worden.
In Österreich sieht die Sache trotz eines ähnlichen Gesetzestextes ganz anders aus: Auch wenn der Bottom ausdrücklich einwilligt, ist eine Körperverletzung strafbar. Nach der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes verstößt eine solche Einwilligung nämlich gegen die "guten Sitten" der Alpenrepublik.
In der übrigen Welt ist die Lage unterschiedlich: In einigen Staaten ist SM völlig legal, in anderen verboten. Ironischerweise sind fast überall Sportarten erlaubt, bei denen es häufig zu schweren Verletzungen kommt, wie Fußball, Handball oder Kampfsportarten. In einigen Staaten dürfen Eltern ihre Kinder bei Boxvereinen angemeldet, aber mündige Erwachsene dürfen sich nicht zum Sex am Bett festbinden. Der Vergleich von SM mit Sportarten hinkt natürlich, denn wenn überhaupt wäre SM so etwas wie Tanzen, wo die beiden Partner nicht gegeneinander, sondern miteinander agieren. Und um "schneller, höher, weiter" geht es uns auch nicht.

Entsprechen Medienberichte über SM der Wirklichkeit?
Etwa so, wie "Dallas" das wirkliche amerikanische Familienleben darstellt oder "Richterin Barbara Salesch" eine normale deutsche Gerichtsverhandlung; bei den wirklich schlechten Berichten sind die "Simpsons" oder die "Muppet Show" realistischer. Besonders im Fernsehen hat Sadomasochismus meist nur eine Funktion: Die Quote zu erhöhen, egal wie. Die Menschen dort sind selten repräsentativ für die Subkultur: Die meisten Sadomasochisten sind schlichtweg zu unspektakulär für das Fernsehen.
Natürlich gibt es auch faire Berichte. Es ist Dank das Internets kein Problem mehr, seiner journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen und einmal bei den Leuten selbst nachzufragen; dieser Text stammt zum Beispiel ursprünglich von einem Internetprojekt von Sadomasochisten . In den USA ist die Infrastruktur schon weiter: Die "National Coalition for Sexual Freedom" (NCSF), die sich für die Rechte von SMler einsetzt, hat inzwischen für die Lobbyarbeit ein Informationsbüro in der Hauptstadt Washington .

Überschneiden sich die Subkulturen der Sadomasochisten und der Satanisten?
Eine der ärgerlichsten Stereotypen der Boulevardpresse ist, dass alles, was (vermeindlich) schwarze Kleidung trägt, auch irgendwie zusammengehört: Da sind alle Sadomasochisten plötzlich verkappte Satanisten, die Satanisten gehören alle zur Gothic-Szene und die Gothics wiederum stehen alle auf SM, sehr zum Unmut aller drei Gruppen. Diese schwarze Soße wird dann als eine Protestphase irregeführter Jugendlicher präsentiert, zwangsläufig gefolgt von einem Sermon über den drohenden Untergang der westlichen Wertekultur, wenn nicht gleich der ganzen abendländischen Zivilisation. Von den 50-jährigen Kirchengängern unter den Sadomasochisten, die Cordhosen tragen und Country-Musik hören, ist seltsamerweise nie die Rede.
Sadomasochismus hat mit Religion oder auch Politik erst einmal überhaupt nichts zu tun. Unter Sadomasochisten gibt es zwar mit Sicherheit auch Satanisten, ähnlich wie es sie unter Schornsteinfegern, Sozialdemokraten und Schnurrbartträgern gibt. Die Darstellung, dass ein enger Kontakt zwischen Satanisten und Sadomasochisten besteht, ist allerdings grob falsch.

Gibt es berühmte Sadomasochisten?
Ein kurzer Ausflug in die Geschichte: Dort haben wir den franz ösischen Philosophen Rousseau, seinen Kollegen Michel Foucault sollten man auch kennen . Der britische Autor Algernon Swineburn war SMler, und von James Joyce gibt es zumindest eindeutige Briefe . Die soll es auch von Kaiser Wilhelm II. gegeben haben, aber über den redet eigentlich niemand so gerne. Der britische Abenteuer David Livingston ließ sich gerne züchtigen. In der moderneren Zeit haben Künstler wie Grace Jones und Madonna immer wieder SM als Thema aufgegriffen.
Allerdings wird man in vielen Teilen der westlichen Gesellschaft immer noch geächtet, wenn man sich von seinem Partner auch nur ans Bett binden lässt. Die meisten Sadomasochisten - einschließlich Prominente - halten deswegen mit ihren Neigungen deutlich mehr hinter dem Berg als es zum Beispiel Homosexuelle tun. Sadomasochisten lehnen Zwangsoutings als Vertrauensbruch und Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen ab.

Was ist mit dem Marquis de Sade?
Wir haben uns weder De Sade noch Leopold von Sacher-Masoch als Namensgeber ausgesucht, man hat sie uns aufgezwungen. Trotzdem meint jeder, wir müssten genauso sein wie diese "Modellkranken". Dieses Phänomen ist der Grund, warum die Medizin diese Form der Namensbildung sonst streng vermeidet. Es heißt ja auch nicht "Leonardismus" (von Leonardo da Vinci), sondern "Homosexualität".
Sadomasochisten halten es mit De Sade wie die restliche Bevölkerung auch: Einige sind von seiner Philosophie fasziniert, andere halten ihn für ein krankes Monster. Schwangeren Frauen glühende Nägel in die Augen zu treiben ist auf jeden Fall nicht wirklich unsere Vorstellung von Erotik. Von den Geschichten De Sades auf unsere Vorlieben zu schließen ist etwa so, als würde man wegen des Films "Der Angriff der Killertomaten" seinem Gemüsehändler nicht mehr über den Weg trauen.
Eher findet man in unseren Bücherregalen den Klassiker "Geschichte der O" von Reage , oder die "Dornröschen"-Trilogie von Anne Rice , die die restliche Welt eher als Autorin von "Interview mit einem Vampir" kennt. Die "Gwendoline"-Comics von John Willie sind inzwischen auch durch das gleichnamige Lied der "Ärzte" in den Mainstream geschleppt worden. Wichtig ist bei aller Literatur, von De Sade bis heute: Diese Darstellungen zeigen so wenig den wirklichen Sadomasochismus wie ein "Harry Potter"-Roman das wirkliche Schulleben in Großbritannien.
An der "Geschichte der O" kann man übrigens schön sehen, wie unterschiedlich unsere Literatur in verschiedenen Ländern behandelt wird: In Frankreich hat sie den Literaturpreis "Deux Magots" gewonnen, in den Niederlanden ist sie frei verkäuflich, in Deutschland kam sie auf den Index.

Ich habe gelesen, dass es keine sadomasochistischen Frauen gibt.
Auch diese Vorstellung ist durch die Geschichte der Forschung bedingt und auch sie ist überholt. Während die Frau im "Kama Sutra" noch ganz lustvoll mitstöhnt, waren Krafft-Ebing und andere frühe Forscher der Meinung, dass die gesamte weibliche Sexualität masochistisch und die gesamte männliche sadistisch ist. Diese Vorstellung wurde später von Freud übernommen. Da es als unmöglich galt, die normale weibliche Sexualität von einer "krankhaft" masochistischen zu unterscheiden, wurden nur Männer untersucht. Sadistische Neigungen bei Frauen waren nach Krafft-Ebing ein Zeichen, dass sie eigentlich Lesben seien.
Durch den Aufstieg der Psychoanalyse verfestigten sich diese Vorstellungen. Als Spengler 1974 die erste Untersuchung der sadomasochistischen Subkultur unternahm, bemühte er sich daher auch nicht sonderlich, dort Frauen zu finden, weil ja jeder wusste, dass es sie nicht gab. Seine Arbeit war trotzdem bahnbrechend und wurde zur Grundlage für viele weitere Studien, so dass es erst 1985 Breslow auffiel, dass es eigentlich jede Menge sadomasochistischer Frauen gibt. Levitt bestätigte das 1994.
Bedenkt man, dass die erste SM-Gruppe nur für Lesben ("Samois") bereits im Juni 1978 gegründet wurde, kann man vielleicht verstehen, warum viele Sadomasochisten wissenschaftliche Theorien über SM nicht wirklich ernst nehmen.

Einige Feministinnen behauptet auch, dass es nur Männer gibt.
Die Frauenrechtler mussten mussten jahrzehntelang gegen das Vorurteil der Freudianer kämpfen, dass alle Frauen von Natur aus Masochistinnen seien. Wenn man bedenkt, welche Rolle solche Theorien bei Vergewaltigungsprozessen gespielt haben, ist klar, dass sie bei dem Thema bis heute etwas empfindlich reagieren. Dabei sind wird die Ersten, die ihnen zustimmen, dass die psychoanalytischen Vorstellungen über den weiblichen Masochismus auf die Müllkippe der Geschichte gehören - und dass nicht alle Frauen (oder Männer) unsere Neigungen teilen.
Es gibt keinen Mangel an Frauen, die offen zu ihren Neigungen stehen, zum Beispiel Sina-Aline Geißler, um die es Anfang der 1990er einen ziemlichen Presserummel gab. Die Dänin Maria Marcus hatte 1982 auch mit einem Buch für Diskussion gesorgt und bei Madonna kann man von einer Inszenierung sprechen. Einige Feministinnen gehören seit Jahren zu den wichtigsten Vordenkern des Sadomasochismus und haben eine zentrale Rolle bei der Gründung der nichtkommerziellen Subkultur gespielt. Die US-japanische Psychologin Midori hat eines der schönsten Bücher über Bondage herausgebracht und die beste deutschsprachige Einführung in die Subkultur stammt von zwei Frauen.
Wir bedauern, dass einige Radikalfeministinnen weiterhin weibliche Sadomasochistinnen als "Kollaborateure" im "Krieg mit dem Feind" sehen. Bei uns herrscht schon lange Frieden.

Welche Rolle haben Frauen in der Subkultur?
Keine andere als die Männer auch. Es gibt welche, die lieber Top sind, andere sind lieber Bottom und die Mehrheit switcht halt. Frauen sind im Vorstand von Vereinen und gehören zu den Gründungsmitgliedern neuer Gruppen. In vielen Organisationen gibt es eigene Gesprächskreise und, wo möglich, an den Telefonen weibliche Ansprechpersonen.

Was ist mit den Dominas?
Beim Sadomasochismus unterscheidet man die nichtkommerzielle Subkultur und die kommerziellen Szene ("Dominas").
Die kommerzielle Szene besteht aus Einzelpersonen oder Studios, die SM für Geld ausüben. Viele Dominas und Servas sind selbst keine SMler, sondern üben einfach einen Beruf aus. Solche Studios hat es nachweislich schon im 18. Jahrhundert gegeben. Daneben und von der Größe her zunehmend gibt es die nichtkommerziellen Gruppen mit verschiedenen Zielsetzungen. Die ältesten dieser Vereine sind in den USA, bestehen seit mehr als 25 Jahren und haben bis zu viertausend Mitglieder. In Deutschland wurden die meisten dieser Gruppen in den späten 80ern gegründet und sind (noch) ein Stück kleiner.
Von der nichtkommerziellen Subkultur etwas über Dominas wissen zu wollen ist manchmal so, als würde man seinen Milchmann nach Keksen fragen. Während die meisten Gruppen Dominas als Privatpersonen aufnehmen, lehnen einige strikt jeden Kontakt mit der kommerziellen Szene ab. Das Anwerben von Kunden und ähnliche Geschäfte sind allgemein bei den Nichtkommerziellen verboten und führen zu beträchtlichten Ärger.

Wie sind diese nichtkommerziellen SM-Gruppen aufgebaut?
Die nichtkommerzielle Subkultur reicht von Stammtischen in Kneipen bis hin zu amtlich eingetragenen Vereinen ("e.V.'s") mit eigenen Büros, die nicht viel anders aufgebaut sind als zum Beispiel ein Taubenzuchtverein. Alles ziemlich unspektakulär. Wer subversive Treffen in finsteren Gewölben erwartet, den müssen wir leider enttäuschen.

Und da kann man einfach so hingehen?
Warum nicht. Weder Justiz noch Medizin wollen uns (zumindest in Deutschland) etwas Böses, also besteht wenig Grund, Geheimbund zu spielen. In solchen Gruppen ist von Architekten bis Zahnarzthelferinnen alles zu finden. Das einzige, was man mitbringen muss, ist eine ehrliche Neugierde. Und egal was man die letzten hundertzehn Jahre von uns behauptet hat, wir fressen niemanden auf. Jedenfalls nicht so schnell....




 
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